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ÜBER ALLE BERGE.
Eine aufgeweckte Wanderung zu den nordwestlichen Friedhöfen der Wiener Vorstadt am Fuss des Wienerwaldes. Belebende Einsichten in schon auf Erden ganzjährig geöffnete Paradiese.  Text und Fotos: Herbe Marker, Wien im Sommer 2007

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Immer wieder einmal Allerheiligen. Für manche ja Pflichttermin bei den verblichenen Gotthabsie-Seligen. Unangenehm die Assoziationen – ein Gang zum Friedhof im späten Herbst. Nasskaltes, graues Nebelwetter, frühes Dunkeln des Nachmittags, unzählige flackernde und so genannte „ewige Lichter“.

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Länger als 7 Tage hat man noch keines brennen sehen. Macht nichts, eine Woche nach dem Besuch kommt Allerheiligen erst wieder in 358 Tagen. Kalt wars, grau wars, schlecht aufglegt warns alle, ein paar wirklich traurig.

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Jedenfalls und besonders im Herbst – im dunklen, im kalten – dieser weit verbreitete Respekt vor dem Ableben, vor dem Weiterleben in einer düsteren unbekannten Welt – auch wenn es die vielen guten Seelen verlässlich bis in den Himmel geschafft haben dürften. Die Hoffnung stirbt zuletzt. Sagt man solang man noch was zu sagen hat. Hilft aber auch nicht im Ernstfall.

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Welch ganz anderer Eindruck doch in der Zeit von April bis Oktober, welch freundliche und versöhnliche Stimmung auf den vielen Friedhöfen entlang der Ausläufer der Wiener Hausberge, dicht am Wienerwald.

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Wer es wagt, ohne Scheu und ohne sogenannte generalisierte Grundangst für eine viertel oder halbe Stunde seine Runde auf den Wegen zwischen den Grabreihen zu machen, wird überrascht sein. Nachdenklich wird er auch. Das muss es schon wert sein.

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Ein gar lebendiges Blühen und Leuchten entlang der blumenbunten und gepflegten Grabreihen. Ungewohnte Perspektiven auf das tiefe Wien lassen vermuten, dass die hier Ruhenden dem Himmel näher sind als wir überaktiven Stadtbewohner.

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Es ist wie in einem besonders schönem Park, einem Park, der einem an den meisten Tagen des Jahres allein gehört. Obwohl man hier von zahlreichen Lebensläufen und Schicksalen umgeben ist, wird man kaum einem Menschen begegnen. Oder…halt anders.

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Richtig Lebendige entdeckt man aber doch auch, wenn man genau schaut. Die sind aber eh jede Woche da und lassen die Blumen nicht verwelken, das Flammerl wirklich ewig nicht ausgehen und halten auch sonst alles in bewusster Ordnung.

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Ob es wirklich Zufall ist, dass sich hier meist in der Nähe des Friedhofs auch gleich die Weinberge mit ihren Heurigen finden ? Gibt es doch einen lieben Gott ? Mit einer Blauen Nos´n gar, nach der diese altehrwürdige Ottakringer Buschenschank benannt sein könnte ?

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Die meisten buchen ja ein einfaches, manche ein besonderes Jahresabo für Grabpflege und aus. Bis halt selber da sind. Liegend, weil stehend wird man nicht begraben, auch wenn man zu Lebzeiten einen Verein der stehend Begrabenen gründet. Der Udo Proksch rotiert wahrscheinlich heut noch. Im Grab. Auch liegend. Und genau deswegen. Ewige Narren könnte man auch sagen. Sagt man aber dann nicht.

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Zu sehen jedenfalls gibt es hier genug. Jeder dieser tatsächlich stillen Orte hat bei näherer Betrachtung einen eigenen Charakter, eine eigene Stimmung, einen eigenen Stil. Vom bescheidenen „Gottesacker“ in Nussdorf über den mit lauschigen Waldlichtungen einerseits und mit mächtigen marmornen Familiengruften andererseits beeindruckenden Ottakringer Friedhof bis zur Grinzinger Anlage mit den vielen berühmten Namen in ehrenhalber gewidmeten Gräbern.

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Das Grab des landesweit generationen- und institutionenübergreifend beliebten Thomas Bernhard ist eine, so sagen die Erdenker, adäquate Inszenierung des Verschwindens, der „Auslöschung“, wie treffend einer von seinen Romanen heißt: ein schlichtes schmiedeeisernes Kreuz, messingen umblättert und demnächst verwitterndes Kupfer auf einem Steinquader mit seinem Namen darauf. Mitten im Efeu. Möglicherweise rotiert er gemeinsam mit dem Proksch. Oder er ist paar Reihen weiter bei der Mahler-Werfel Alma auf einen Kaffee und beschwert sich über den Manker. Na, was ? Weiss man´s ?

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Wobei, ehrenhalber gewidmet ist nicht so das Wahre. Echte Ehrengräber gibts nur am Zentral. Dafür ist hier überall die Aussicht besser. Höchst erfrischend während der – warum sagt man so ? – Hundstage auch der Waldfriedhof Neustift.

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Die Ruhestätte Gustav Mahlers wurde in Widmung und Obhut der Stadt Wien übernommen. Damit sind die Erhaltung und Pflege der Gruft des großen österreichischen Komponisten, die vorher von den Wiener Philharmonikern und der Gustav Mahler-Gesellschaft fallweise durchgeführt wurde, für alle Zukunft gesichert. Sozusagen, wie man in Wien gern sagt, wenn man einer ist, der was zu sagen hat. Besser noch „ahhmmmm, sosuhsagn“

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Uzzi Förster , Heimito v. Doderer oder Alexander Sacher-Masoch sind weitere Berühmtheiten in Grinzing. Und gar viele Bezirksräte und Hausbesitzersgattinnen und Strassenbahnpensionisten und Professoren und Erfinder und Erzieher und solche Honorigen halt. Die findet man aber auf jedem Friedhof. Sogar auf jedem Kirtag auch. Das ist irgendwie nichts Besonderes. Haben halt zu Lebzeiten schon gute Beziehungen zu den Gottobersten gehabt. Gehn wir schön langsam weiter.

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Kitsch- und/oder Kunstliebhaber werden wohl den Wegrab_fuchs_dsf1709g nach Hütteldorf machen müssen, um das von Ernst Fuchs gestaltete Grab für seine Mutter Leopoldine zu bewundern. Bekannte Namen wie Anton Karas in Sievering, Kurt Sowinetz in Döbling, Franz „Bimbo“ Binder in Baumgarten, Ernst Happel, die Brüder Johann und Josef Schrammel in Hernals oder auch die Zelluloidexplosionsopfer der Fabrik Sailer 1908 in Ottakring lenken die Schritte bewusst zum einen oder anderen Friedhof. Zelluloidexplosion, gell ! 100 Jahre später wissen die Kids nicht einmal, was Zelluloid ist. Haben´s aber eh recht damit.

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Allen Ruhenden und Unvergessenen wie auch Vergessenen gemeinsam ist aber die erhabene Lage in den Hügeln rund ums westliche Wien – ein ganz anderer Eindruck als zum Beispiel am unübersehbar flach gelegenen Wiener Zentral. Wie auch im richtigen Leben gibt es an diesen stillen Orten soziale Unterschiede. Wer es schon als mehr oder minder Aufrechte(r) im Leben weit gebracht hat, wird auch bevorzugt liegen dürfen – müssen. Denn wenn es darum geht Gräber zu definieren, so ist Grab nicht gleich Grab. Als Gipfel der Bescheidenheit gilt das einfache Urnengrab noch vor dem flach angelegten Rasengrab auf Wegniveau mit kleinem Grabstein oder einfachem Kreuz.Am weitesten verbreitet dürfte aber die Grabform mit einer zusätzlichen steinernen Einfassung und einem mehr oder weniger kunstvoll gestalteten Grabstein sein. Manchmal auch noch aufgewertet mit einer Deckplatte aus Granit oder Marmor. Äusserlich ähnlich muten die grösseren Familiengräber mit bis zu vier Angehörigen (oder zwei Exfrauen) an. Die Erinnerung gar über viele Generationen hinweg halten prachtvolle Gruften oder stolze Mausoleen lebendig. Platz für sechs, neun oder noch mehr Särge garantiert das Gedenken weit bis in die Zukunft. Vielgestaltige Statuen, gewaltige Bildnisse von Schutzengeln und anderen Allegorien wachen über diese Plätze, hohe schwarze Marmorgedenksteine mit schmiedeeiserner Einfriedung um die schweren Deckplatten fordert Respekt vom zufälligen Besucher.

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Obwohl, im Angebot der nahen Steinmetze schlägt sich durchaus schon die sozio-demographische Erweiterung der Stadt durch. Hie und da halt. Weil öfter werdens dann eh tiefgläubig heimgebracht, die weiter Herumgekommenen.

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Goldene Inschriften künden von grossem Ruhm und hohem Stand der hier vereinten Familienzweige von Fleischselchern, Strassenbahn-Pensionisten, Hausbesitzersgattinnen und -Witwen, Postoberoffizialen, K&K-Magazineuren und vielerlei mehr heute kurios anmutender Tätigkeitsbeweise in sozusagen geweihter Erde. Apropos Gold und wegen Herrgott aus Sta´n. In Ottakring, grad im traditionellsten Arbeiterbezirk ist ER aus purem Gold. Das gibt auch so manchem Freund der Blasmusik ordentlich zu denken.

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Die Erde, in der sich das alles abspielt, war keineswegs immer Erde im ursprünglichen Sinn. Noch heute stößt man beim Nußdorfer Friedhof, beim Heiligenstädter Friedhof, am Dornbacher Friedhof oder beim Pötzleinsdorfer Friedhof auf Reste einer einst tropischen Lebensvielfalt, wo sich vor 15 Millionen Jahren noch Korallen, Rotalgen und Haie im Meer begegneten. Und beim Neustifter Friedhof befindet sich schräg vis á vis vom Eingang eine Tafel zum Wiener Naturdenkmal Nummer 114: Die dort senkrecht stehenden Gesteinsschichten am Strassenrand sind eine Formation der Tertiärzeit. Und die liegt immerhin 55 bis 37 Millionen Jahre zurück. Begossen wird das aber bis heute gern.

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Warum also bis Allerheiligen warten. Kann man doch täglich in diese Oasen der Stille und Besinnlichkeit eintauchen, sich im Schatten von Ahorn, Kastanie oder Birken über die Blumenpracht aus Nelken, Rosen, Chrysanthemen, Pegonien, Fuchsien oder die geheimnisvollen Lobelien freuen und sich am Gesang von Amseln, Spatzen und Rotkehlchen erfrischen, die diese Orte der ewigen Ruhe nach wenigen Augenblicken zu Orten des Lebens machen. Zu schönen Orten, sich zu erinnern. Das ganze Jahr über.

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So wie ich an die Marie Tant´ und die Zechner Omi. Die liegen aber tief im Burgenland und wussten immer schon dass „nochanixmehrkummt“, darum ist das eine andere Geschichte.

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