philo

To see a World in a grain of sand,/ And a Heaven in a wild flower,/
Hold Infinity in the palm of your hand,/ And Eternity in an hour.
(aus „Auguries of Innocence“, William BLAKE)

 

Über die metaphysische Entdeckung des Aussergewöhnlichen im Gewöhnlichen.
Herbe Marker, Fotografischer Flaneur zu Wien. 2016.

wp_vwkaefer_x2s2516foto: © herbe marker, heuberg, wien, 2014

Die Mehrheit der vorliegenden Arbeiten wurde durch digitale Segmentsentnahme aus den ontologischen Gegebenheiten selbst zu Objekten, die, zurück beim Betrachter, einen subjektiven Zugang zu seiner Lebenswelt, seinem `Zeugganzen´, anbieten und damit die aussergewöhnliche Bedeutung des Gewöhnlichen bewusst werden lassen können. Des Gewöhnlichen im Sinne von Seiendem. Ein ganz wesentlicher Aspekt ist die Authentizität, die Entität, das denkmögliche Phänomen hinter den vordergründig gelernten, gewohnten oder vermittelten Inhalten.  Das Gewöhnliche in unserem Leben sind die unvermeidbaren Wiederholungen, mit denen wir unzufrieden sind, die uns nicht zusagen und denen wir daher ständig zu entrinnen versuchen. Sie erinnern uns daran, dass das Leben keinerlei höheren Sinn hat. Dass diese täglichen Wiederholungen, denen wir mittels – sich ihrerseits wiederholend – Ablenkung, Täuschung, Betäubung, Selbstüberhöhung, Projektion oder Reproduktion zu entkommen versuchen, uns letztlich nur zu einem ganz gewiss hinführen, zum Ende eines biologisch determinierten Lebenszykluses. Wir werden zum `Nichts´, die Welt wird davon unbeeindruckt weiterhin `Sein´ sein. Alles Exisitierende entsteht ohne Grund, setzt sich aus Schwäche fort und stirbt durch Zufall, so Sartre. Damit können sich die meisten von uns nicht abfinden, versuchen ständig, diesem Gedanken, dieser Gewissheit, aus dem Weg zu gehen.

wp_sized_sicilycrowd_300dpi     foto: © herbe marker, catania, sicily, 1980s


Setzt man sich aktiv mit dem Gewöhnlichen auseinander, wird man darin finden, was dessen Verweigerung oder Ablehnung unterschlägt. Öffnet man sich dem Gewöhnlichen, kann man feststellen, dass darin das Aussergewöhnliche zu finden ist. Verfremdende Versprechung oder Verheissung wird und muss versagen. Überschwang ist überflüssig, es zählen Echtheit und Ehrlichkeit und das Seiende der umgebenden und beherbergenden Lebenswelt. Wer sich mit Gewöhnlichem beschäftigt, anstatt es zu fliehen oder zu diskreditieren, wird ehrlich zu sich selbst sein können, sich nichts vorspielen und nichts vorspielen lassen. Das Besondere und Aussergewöhnliche entsteht in einem solchen Prozess aus dem unterschiedlichen `In der Welt Sein´ der individuellen und subjektiven Biographie des Daseins. Die vorliegenden Bildbeiträge sind weder Rohstoff für noch Ergebnis von Überhöhung und Verfremdung, wie etwa in Objekten der künstlerischen oder (klerikal)kunsthandwerklichen Intervention, die zur Legitimierung eines willkürlich festgesetzten Kontextes bedürfen. Die Suche nach dem Höheren ist eine Flucht vor der Welt des Seienden, das Seiende aber ist Thema. Nicht die Suche nach dem vorgeblich Grandiosen ist das Ziel, die Fokussierung und Übung des Blickes auf die umgebenden Phänomene, die unser Leben ausmachen, soll es sein. Gelingt dies, stellt man fest, dass die Gewöhnlichkeit des Daseins
 selbst das Aussergewöhnliche in sich trägt, nach dem man anderswo verzweifelt, verschworen, verleitet oder verblendet, jedenfalls vergeblich sucht.

wp_xm1_2013_dscf0311-lr_comp     foto: © herbe marker, nussberg, wien, 2012